NACHGEFRAGT! Wieso die Grundschüler in Deutzen ihre Grundschule verlassen mussten

Bild: Förderverein Grundschule 4 Jahreszeiten Deutzen
 

Resümee.
Landkreis Leipzig.
Es kehrte nie wirklich Ruhe ein in Deutzen, einem Ort im Landkreis Leipzig, etwa 7 km westlich von Borna entfernt, der 2014 nach Neukieritzsch eingemeindet wurde. Seit mindestens drei Jahren geht es den Deutzenern um den Erhalt der Grundschule und sie haben gekämpft wie die Löwen – bis zum Schluss.
Doch was ist da los in Deutzen?
Der Ärger begann 2016.
Da wurde durch die Sächsische Bildungsagentur mittels sogenanntem Mitwirkungsentzug bekannt gegeben, dass es keine erste Klasse mehr an der Grundschule Deutzen geben wird und in der Grundschule der Nachbargemeinde Neukieritzsch zwei erste Klassen gebildet werden sollten.
Nö – sagten die Deutzener Eltern, das ist so gar nicht in unserem Interesse und schon gar nicht in dem unserer Kinder!
Elternratsvorsitzende Jana Pfaff fand damals die Entscheidung der Bildungsagentur sehr enttäuschend, da das Kultusministerium den eingereichten Ausnahmeantrag und die Ablehnung des Mitwirkungsentzuges unter den Tisch fallen gelassen hatte.
Auch Jens Buder, Fraktionschef der „Bürger für Deutzen“ im Neukieritzscher Gemeinderat, schloss sich der Meinung Pfaffs an. Erschütternd, wie mit dem Bürgerwillen und dem Willen der Gemeinde umgegangen wird, umschrieb er die Situation.
Doch Bürgermeister Hellriegel (CDU) überraschte der Mitwirkungsentzug zum damaligen Zeitpunkt nicht, im Gegenteil.
Er hatte seinen Worten nach alles kommen sehen und deshalb wollte er von einer Klage der Gemeinde Deutzen gegen den Bescheid nichts wissen. Das würde nur dazu führen, dass die Eltern noch länger keine Gewissheit darüber haben, in welche Schule ihre Kinder gehen, so seine Äußerung sinngemäß.
So sah das der CDU-Mann 2016.
Im August 2016 war dann jedoch klar, dass in der Grundschule in Deutzen das jahrgangsübergreifende Lernen sehr wohl stattfinden wird. Denn die Elternschaft hat einen starken Willen!
Wochenlang gab es aufwühlende Diskussionen zwischen Eltern/Förderverein/Engagierten einerseits, Ministerium und Sächsischer Bildungsagentur andererseits.
Bis der Kompromiss so aussah:
Eine neue erste Klasse konnte gebildet werden – in Form eines sogenannten jahrgangsübergreifenden Unterrichts.
Da sieht man, was es alles für Möglichkeiten gibt! Wo ein Wille, da ein Weg!
Also packten Eltern, Lehrer und Mitglieder des Vereins „Gemeinsam für Deutzen“ mit an und gestalteten drei Räume der Grundschule um.
Fortbildungen der Lehrer in Radebeul und Liebertwolkwitz machten sie fit für die bevorstehenden Herausforderungen.
Das Lehrer-Kollegium sah dem Konzept optimistisch entgegen, welches auf mindestens fünf Jahre ausgelegt und genehmigt wurde.
Die neu eingeschulten Kinder wurden mit den Zweitklässlern in Mathe, Sachkunde und Deutsch gemeinsam unterrichtet – das gab es bis dahin im Landkreis Leipzig noch nie.
So konnte der Schulstandort in dem Ortsteil von Neukieritzsch erhalten bleiben.
Und bis 2018 lief diese Idee auch gut an.
Eltern, Schüler und Lehrer sahen deutliche Vorteile in dem Lernkonzept, die Schulanfänger profitierten offensichtlich vom gemeinsamen Unterricht mit den Zweitklässlern, bekamen so jederzeit Hilfe und wuchsen in ein ganz anderes „Miteinander“ hinein. Die Größeren dagegen festigten den Lehrstoff durch ihre Hilfestellungen.
Bis im August letzten Jahres während einer öffentlichen Sitzung des Ortschaftsrates die große Kehrtwende kam.
Der Neukieritzscher Bürgermeister Thomas Hellriegel (CDU) hatte etwas zu verkünden.
Die Hiobsbotschaft für die Deutzener Elterninitiative, Lehrer und Schule lautete:
Für Sanierungen und Baumaßnahmen seien derzeit nur zwei Schulen vorgesehen gewesen: Die Grundschule Neukieritzsch und die in Lobstädt, denn nur an den zwei Standorten sei auch die Zukunft der Schulen gesichert.
Was so voll Engagement und Ideenreichtum in Deutzen begann, wurde in diesem Augenblick kaputt geredet.
Eltern, Lehrer und alle Engagierten für das jahrgangsübergreifende Konzept waren wie vor den Kopf gestoßen.
Hellriegel schien zu erwarten, dass nach fünf Jahren das jahrgangsübergreifende Konzept ausliefe.
Wobei es im Beschluss des sächsischen Landesamtes für Schule und Bildung (LASUB) um eine Mindestdauer von fünf Jahren ging – und selbstverständlich darüber hinaus, wenn alles gut fruchtet.
In die Grundschule Deutzen wurden außerdem aufgrund des besonderen pädagogischen Konzepts auch Kinder eingeschult, die nicht aus dem Einzugsgebiet der Grundschule kamen und es wurde von Seiten der Befürworter mit noch größerer Nachfrage in den kommenden Jahren gerechnet.
Hellriegel und seinen Mitstreitern dagegen war das Deutzener Schulgebäude für eine Grundschule mit insgesamt 4 Klassen viel zu groß.
Nicht einmal Sanierungsfördermittel seien bis dahin genehmigt worden, ließ er während der Sitzung verlauten.
Das Ende vom Lied: Hitzige Diskussionen und schlussendlich die Einigung auf ein Aufschieben der Entscheidung von einem bis anderthalb Schuljahren für Schule, Verwaltung, Elternschaft und Gemeinderat.
Nun schreiben wir 2019 und im März dieses Jahres gab es weiteren Tumult um die Deutzener Grundschule.
Giftiges Naphtalin soll in der Luft nachgewiesen worden sein, durch Ausdünstungen des Fußbodens und durch Bauschäden soll das Naphtalin sogar nach außen gedrungen sein.
Dabei hatten Mitarbeiter des Landratsamtes eigentlich nur routinemäßig Trinkproben des Wassers entnehmen wollen und dann den kleberartigen Geruch im Schulgebäude intensiv wahrgenommen, wurde in einer nächsten öffentlichen Sitzung vom Bürgermeister Hellriegel erklärt.
Also verlagerte die Grundschule Deutzen ihren Schulbetrieb notgedrungen in die obere Etage des Schulgebäudes noch vor den Osterferien 2019.
Sehr viel Aufregung für Lehrer und Kinder, großes organisatorisches Talent nötig – aber geschafft.
Endlich Ruhe eingekehrt.
Bis im Juni 2019 das Thema neu aufflammte.
Da wurden nun nach der Naphtalin-Ausdünstung und dem vollendeten Umzug innerhalb des Deutzener Grundschulgebäudes Mängel an der Elektroanlage der Grundschule diskutiert, die nicht einfach so behoben werden könnten, jedenfalls nicht nach Ansicht von Hellriegel.
Der Gemeinderat signalisierte bereits da eine mögliche Notauslagerung der Deutzener Grundschüler an die Schule in Neukieritzsch. Dort sollten die Grundschüler ins Obergeschoss einziehen.
Der Beschlussantrag dafür wurde von der Verwaltung sogar pflichtbewusst bereits als Tagesordnungspunkt gesetzt, ohne irgend wen von Eltern – oder Lehrerschaft vorher auch nur in Kenntnis zu setzen.
Verständlicherweise führte das zu großer Aufregung bei den Unterstützern der Deutzener Schule.
Friedlich blieb der Ton dabei längst nicht mehr.
Sie forderten von der Verwaltung und dem Gemeinderat, eine Teilreparatur der Elektroanlage anzustoßen oder aber eine Übergangslösung zu finden, zum Beispiel den Unterricht in Schulcontainern durchzuführen.
Der zweite Tagesordnungspunkt, nämlich ein Planungsauftrag, der die Erweiterung des Deutzener Hortes anbetraf, war dann der nächste Schock für die Deutzener.
Es ging dabei um das Aufstellen von 4 Containern mit je 60 qm Fläche für den Hortbetrieb.
Die Fraktion „Bürger für Deutzen“ forderte, dass beide Beschlüsse wieder von der Tagesordnung genommen werden.
Doch Bürgermeister Thomas Hellriegel bedauerte die Situation mit den lapidaren Worten „Ich weiß nicht, wie es jetzt weitergehen soll“
Gleichzeitig sagte er in Richtung der Gemeinderäte, die für die Änderung der Tagesordnung gestimmt hatten, dass sie keinen Mut beweisen würden, über die verfahrene Angelegenheit sachlich zu diskutieren.
Die Notauslagerung jedenfalls blieb vorerst lediglich eine Verwaltungsentscheidung ohne Bestätigung durch einen rechtskräftigen Beschluss.
Laut Hellriegel sei sie aber unumgänglich, dass beweise schließlich ein DEKRA-Gutachten, was dem Bürgermeister vorläge. Eine Beschulung in Deutzen sei dem Papier zufolge auf keinen Fall mehr möglich.
Verschmutzte Motoren, lose Kabel – das seien Mängel, die der Hausmeister hätte beheben können und müssen, konterte dagegen Hella Hallert (Die LINKE).
Nirgendwo sei ersichtlich, dass deshalb der ganze Schulbetrieb eingestellt werden müsse.
Die Verwaltung wiederum, genauer gesagt, René Hertzsch, Neukieritzscher Bauamtsleiter, interpretierte das Gutachten so, dass durch die defekte Elektroanlage im Normalbetrieb „jederzeit Gefährdungen für Leib und Leben möglich“ seien.
Diese Aussage hielten die Befürworter der Grundschule Deutzen für absolut übertrieben.
Fachkundige aus dem Publikum sahen die Reparatur machbar – und zwar für weit weniger Geld als die Gemeinde zu dem Zeitpunkt veranschlagte.
Das beeindruckte den Bauamtsleiter nicht – er blieb bei seiner Meinung und wollte sich nicht auf Diskussionen einlassen. Über die sechs Wochen Sommerferien 2019 jedenfalls bekäme er keine Reparatur der Elektroanlage hin, so sinngemäß seine Worte.
Kurze Zeit später teilte die Gemeindeverwaltung dann rund 100 Eltern auf einem Elternabend mit, dass die Grundschule in Deutzen nach den Sommerferien wegen offenbar schwerwiegender Mängel an der Elektro-Anlage vorläufig nicht mehr geöffnet wird.
Das jahrgangsübergreifende Lernen sollte in Neukieritzsch fortgeführt werden, die Grundschüler sollen geschlossen in die oberste Etage der Neukieritzscher Grundschule umziehen.
Erst 2018 wurde das Obergeschoss der Neukieritzscher Schule für den dortigen Hort umgebaut.
Nun sollte es sozusagen doppelt genutzt werden als Schule und Hort.
Fast makaber zu der Situation dazu die Worte vom Neukieritzscher Bürgermeister Hellriegel: „Wir schließen Ihre Schule nicht, die Schule zieht nach Neukieritzsch um.“
Laut Hellriegel hatten Landratsamt und Schulbehörde nach Gesprächen in den vergangenen Wochen diese Lösung für gut befunden und daraufhin beschlossen.
Die Stimmung bei diesem Elternabend war mehr als aufgeheizt.
Die Befürworter der Deutzener Schule akzeptierten besonders nicht, dass es keine andere Lösung geben solle. Immerhin gibt es ja immer mehrere Wege, um ans Ziel zu kommen. Wenn es denn gewollt ist…
Auf die Frage nach einer Containerlösung für den Schulbetrieb in Deutzen erklärte Hellriegel, es seien zurzeit keine Schulcontainer zu bekommen – die Container als Übergangslösung für eine Hortbetreuung seien aber bereits bestellt.
Der Deutzener Elternrat kündigte daraufhin an, dass die Eltern sich selbst nach Möglichkeiten für übergangsweise Container umschauen würden, bis die Elektroanlage in der Deutzener Grundschule repariert ist.
So weit, so gut.
Mittlerweile ist alles so gekommen, wie es vom Bürgermeister „prophezeit“ wurde.
Die Deutzener Kinder fahren nun nach Neukieritzsch in die Grundschule und nach Schulende künftig in den Hort nach Deutzen.
Da dieser sich bisher ebenfalls in dem nun geschlossenen Gebäude der Deutzener Grundschule befand, wurden jetzt im September tatsächlich Container aufgestellt.
Ein Schelm, der Böses denkt!
Eine ganz große Frage stellt sich aber besonders: Hat denn schon einmal jemand an die Kinder gedacht?
Wie mögen sie sich fühlen – herumgeschupst und aussortiert.
Denn das, worum es hier geht, lässt sich in einem Wort sagen: Geld.
Solange das so ist, haben wir kein kinderfreundliches und modernes Land, sondern sollten uns dafür schämen, wie wenig wir für die Kinder und ihre Rechte tun, nur damit der Haushalt stimmt.
In dem Sinne: Chapeau Elternschaft und Lehrer von Deutzen, ihr seid mit eurem Kämpfergeist große Vorbilder für die Kinder! Ich hoffe, dass sich Neukieritzsch besinnt und alle zusammen eine gute Lösung finden!
Eine Möglichkeit gibt es noch: Eine Schule in freier Trägerschaft.
Doch bisher steht diese Option noch nicht.
Momentan sammelt der Förderverein „Grundschule 4 Jahreszeiten Deutzen“ nun Spenden, damit in Eigeninitiative die Sanierung der Grundschule in Deutzen vorangetrieben werden kann.
Wer sich beteiligen möchte, kann einen Betrag seiner Wahl auf das Spendenkonto überweisen:
IBAN : DE17 8605 5592 1100 6754 90
BIC: WELADE8LXXX
Verwendungszweck: Sanierung der Grundschule
Sparkasse Leipzig

Ein Resümee & Kommentar von
Redaktion Webnews Landkreis Leipzig
Kontakt: schubertmedien@astrid-schubert.eu

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