In Sachsen nach Schätzungen über 200.000 Menschen Analphabeten

 

7,5 Millionen Erwachsene in Deutschland können so schlecht lesen und schreiben, dass sie kaum schriftlich kommunizieren können.
In Sachsen sind nach Schätzungen über 200.000 Menschen betroffen.
Ohne Hilfe können sie weder ein Formular ausfüllen, noch eine E-Mail lesen.
Um diesen Menschen zu helfen, gibt es seit vielen Jahren spezielle Alphabetisierungskurse für Erwachsene. Auch in Sachsen.
Insgesamt rund 19 Millionen Euro investiert der Freistaat von 2014 bis 2020 dafür aus dem Europäischen Sozialfonds und aus Landesmitteln.

Koalpha berät und vermittelt

20 neue Kurse für Erwachsene starten jetzt im Januar und Februar unter anderem in Zwickau, Görlitz, Löbau, Neustadt, Waldheim, Auerbach, Kamenz, Chemnitz, Leipzig und Dresden.
Die Kurse sind kostenfrei.
Noch mehr Angebote werden außerdem im Laufe des Jahres an weiteren Orten folgen.
Termine und Informationen dazu gibt es auf der Seite der Koordinierungsstelle Alphabetisierung im Freistaat Sachsen (koalpha).
Koalpha kommt auch in Unternehmen und Behörden oder zu Messen und öffentlichen Veranstaltungen, um über das Thema funktionaler Analphabetismus aufzuklären.

Unter der Telefonnummer 0800 3377100 (kostenlos aus dem deutschen Festnetz) können sich Betroffene und Angehörige außerdem anonym beraten lassen.

Nur wenige Erwachsene nutzen bisher die Lernangebote

„Sätze wie „Ich habe meine Brille nicht dabei.“ oder „Ich erledige das später.“ sind typische Zeichen für Vermeidungsstrategien, die funktionale Analphabeten über viele Jahre mit Erfolg anwenden.
Familien, Kollegen und Freunde helfen oder übernehmen dann diese Aufgaben oft jahrelang. Und die meisten schweigen – aus Verbundenheit, aus Höflichkeit, aus Unsicherheit oder aus Gewohnheit.
Viele wissen gar nicht, dass auch Erwachsene noch Lesen und Schreiben erlernen können und wo es Angebote dafür gibt.
Zum Zusammenbruch dieses Hilfssystems kommt es oft, wenn sich etwas verändert: ein Kind, eine neue Arbeitsaufgabe, Trennungen, ein Umzug. Betroffene können sich jedoch oft erst dazu entschließen, das tägliche Versteckspiel zu beenden, wenn Familienangehörige, Freunde, Kollege, Arbeitgeber und andere Personen im Lebens- und Arbeitsumfeld sie dazu ermutigen und Verständnis zeigen.

Noch längst nicht überall ist das Tabu gebrochen

Die Koordinierungsstelle Alphabetisierung im Freistaat Sachsen klärt die Öffentlichkeit bereits seit 2010 über das Thema funktionaler Analphabetismus auf.
Das Wissen um die Problematik hat an wichtigen Schlüsselstellen seitdem zugenommen.
Auch der Mut Betroffener, den Neustart zu wagen, sich zu outen, ist gestiegen.
Doch noch längst ist nicht überall das Tabu gebrochen und nur die wenigsten der Erwachsenen mit Lese- und Schreibproblemen nutzen Lernangebote.
Sachsen bemüht sich deshalb weiter mit intensiver Öffentlichkeitsarbeit und der Vermittlung von Lernangeboten um die Alphabetisierung.
Neben den ESF-finanzierten Kursen, die Koalpha vermittelt, bieten auch viele Volkshochschulen spezielle Alphabetisierungskurse an, die der Freistaat ebenfalls fördert.

Im Landkreis Leipzig rein statistisch etwa 24.000 Leute betroffen

Cornelia Fiebiger, Projektleiterin im Mehrgenerationenhaus in Markranstädt, geht von 1800 funktionellen Analphabeten allein in Borna aus, von rund 1300 in Markranstädt.
Sie möchte gerne Kurse für Analphabeten im Mehrgenerationenhaus anbieten.
Doch bisher ist noch kein Lehrgang zustande gekommen. Vor fünf Jahren gab es in der Volkshochschule Borna zwar bereits Kurse für Analphabeten.
Doch an die Betroffenen ist sehr schwer heranzukommen. Sie ‚mogeln sich so durch‘ und nehmen oft keine Hilfe an, wahrscheinlich ist auch die Schamgrenze hoch.

Bildungs- und Sozialwerk (BSW) Muldental in Grimma bietet Kurse an

Bis zum 13.09.2019 läuft im BSW Grimma ein Grundkurs für funktionale Analphabeten und Menschen mit Lese- und Rechtschreibschwäche (alle Altersgruppen).
Ansprechpartnerinnen sind Frau Sandra Richter
und Frau Astrid Jentzsch vom BSW Muldental e.V.
Ermöglicht wird die Durchführung der Kurse durch eine Projektförderung in Höhe von insgesamt15.000 Euro im Rahmen der „Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung“, die so genannten Alpha-Dekade, die noch bis 2026 läuft.
Auch für Cornelia Fiebiger steht fest, dass es dringend Kurse geben muss. Deshalb bemüht sie sich um die Zusammenarbeit zwischen Ärzten, Unternehmen und dem Mehrgenerationenhaus in Markranstädt, um Betroffenen adäquat unter die Arme greifen zu können.
Doch dafür ist es notwendig, dass auch die Betroffenen sich melden und Hilfe suchen.
Sie ist als pädagogische Mitarbeiterin der VHS Leipzig erreichbar unter 0341/123-6056 oder per E-Mail cornelia.fiebiger@leipzig.de
Quelle: dpa
/AS

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